Bundesfreiwilligendienst: „Echt was fürs Leben“

„Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden!“, mit diesem Slogan wirbt die Bundesregierung für den 2011 eingeführten Bundesfreiwilligendienst, der als Ersatz für den wegfallenden Zivildienst eingesetzt wurde. Klarer Vorteil: Alle, die sich engagieren möchten, können sich bewerben. Alter, Geschlecht, Nationalität oder der Schulabschlusses spielen keine Rolle. So wundert es auch nicht, dass die  BFD-Plätze inzwischen so gut wie besetzt sind. Auch bei der Lebenshilfe ist die Nachfrage groß. Allein in NRW haben sich viele „BFDler“ angemeldet oder ihre Arbeit für und mit Menschen mit geistiger Behinderung begonnen. Sie werden dabei stets pädagogisch begleitet. Beim Lebenshilfe Landesverband NRW e.V. umfasst das die Organisation und Koordination von Seminaren, sowie eine individuelle Betreuung. Den Freiwilligen wird eine individuelle Unterstützung in der persönlichen und beruflichen Orientierung geboten. Besonders beliebt sind die Einsatzstellen, bei denen man viel Zeit im direkten Kontakt zu Menschen mit Behinderung verbringt.

Und genauso ist es bei „BFDler“ Johannes Vaerst (21), den ich pünktlich zur „Halbzeit“, wie er sagt, zu einem Interview in der Seniorengruppe einer Wohnstätte der Lebenshilfe Leverkusen treffe. Leider platze ich direkt in ein Geburtstagsständchen für eine Bewohnerin. Das geht natürlich vor. Aber sofort im Anschluss nimmt Herr Vaerst sich Zeit, um meine Fragen zu beantworten:

Herr Vaerst, Sie sind nun bereits seit sechs Monaten als sogenannter „BFDler“ tätig.
Wie sind Sie darauf gekommen, sich für den Bundesfreiwilligendienst zu melden?
„Kurz und knapp: Eigentlich wusste ich erstmal nichts anderes. Am besten konnte ich mir ein BWL-Studium, eine wirtschaftliche Ausbildung oder so was Ähnliches vorstellen. Aber das ist dann alles irgendwie so schnell nichts geworden und dann brauchte ich einfach einen Job. Im Nachhinein bin ich aber sehr, sehr glücklich, dass das so gekommen ist und ich das hier gemacht habe, weil das hier echt eine super Sache ist.“

Was gehört denn genau zu Ihren täglichen Aufgaben?
Oder anders gefragt: Wie gestaltet sich Ihr Arbeitstag als Freiwilliger?
„Ja, also morgens fange ich immer um 07.00 Uhr hier in der Wohnstätte im zweiten Obergeschoss an. Dort bin ich für das Frühstück der Bewohner zuständig. Um 08.00 Uhr komme ich dann immer runter und versorge hier alle mit Kaffee und baue alles auf. Dann machen wir Fahrdienst und holen von den anderen Wohnstätten in Leverkusen die Rentner ab. Und dann überlegen wir uns - je nachdem wie viele Leute wir sind und wie das Wetter ist - wie wir den Tag gestalten. Dann wird ein Film geguckt, Kniffel gespielt oder es werden Ausflüge gemacht. Wir fahren manchmal einfach auch nur zu Ikea, weil die Bewohner was brauchen oder gehen essen, Kaffee trinken, - immer wie es gerade passt und worauf die Bewohner Lust haben. Jeden Mittwoch haben wir außerdem Tanz-Café. Das fängt dann gegen 15.00 Uhr an und da kommen sehr, sehr viele Leute zusammen. Dann ist der Saal hier im Endeffekt voll. Es wird Kuchen gegessen,- jedes Haus bringt einen mit. Und im Idealfall wird auch getanzt. Das geht natürlich mit den Jahren immer schlechter. Leider. Oft spielen wir dann auch einfach Bingo. “

Das klingt nach sehr viel Abwechslung und vielen unterschiedlichen Aufgaben.
Was gefällt Ihnen denn besonders gut und was machen Sie nicht so gerne?
„Was mache ich gerne? Am liebsten unterhalte ich mich mit den Bewohnern und gucke, wie ich ihnen „was Gutes tun kann“ – sag ich mal. Also Küchendienst mach ich grundsätzlich nicht so gerne, aber das gehört einfach nun einmal dazu. Dafür genieße ich aber sehr den Kontakt zu den Menschen. Es ist einfach super zu sehen, wie man die Bewohner zufrieden, ausgeglichen und glücklich machen kann, indem man sich einfach um sie kümmert. Man bekommt wirklich unglaublich viel zurück."

Würden Sie sagen, dass der Bundesfreiwilligendienst Einfluss auf Ihr Leben, - z.B. Ihre berufliche Zukunft hat?
„Auf jeden Fall. Ich glaube die sogenannten "sozialen Kompetenzen" hat es zwar bei mir nicht sehr beeinflusst, da die grundsätzlich schon da waren, allerdings wurden sie vielleicht ein bisschen intensiver herausgekitzelt. Vielleicht haben sie allerdings ein wenig geschlummert und wurden nun herausgekitzelt. Mein Berufswunsch hat sich allerdings total verändert. Eigentlich wollte ich ja was Wirtschaftliches oder Kaufmännisches machen. Nun sieht es eher so aus, dass ich soziale Arbeit studieren möchte. Sollte das nicht klappen, könnte ich mir auch vorstellen noch mal zwei Jahre zur Schule zu gehen, um meinen Heilerziehungspfleger zu machen. Meine Familie steht da auch total dahinter. Meine Eltern waren von Anfang an von der Idee mit dem Bundesfreiwilligendienst begeistert.“

Klingt, als wären Sie sehr zufrieden mit der Entscheidung für Ihren Bundesfreiwilligendienst.
Würden Sie es denn auch anderen empfehlen?
„Unbedingt. Es ist eine super Erfahrung. Echt was fürs Leben. Und vor allem verliert man Berührungsängste bei vielen Dingen. Ich bin inzwischen gar nicht mehr empfindlich bei Sachen, von denen viele meiner Freunde sagen „das könnten sie nicht“. Viele haben ja auch Ängste im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Und das ist in meinen Augen völlig unangebracht. Ich mag unsere Bewohner. Viele von ihnen sind so offen und gehen immer auf andere zu. Das empfinde ich als echte Bereicherung.“

Interview vom Januar 2012

Johannes Vaerst mit einigen Bewohnern
 
 
 

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